Ich stehe morgens um kurz nach 7 auf, eine halbe Stunde später verlasse ich mit meinem Rucksack und der Tasche mit Flugsachen, Brotbox und Wasserflasche das Haus. Wie ein halbwegs normaler Mensch, der zur Arbeit geht. Aber jetzt kommt’s: Ich öffne die Garage und hole dort einiges an Zeugs raus, unter anderem fünf 20 Liter Kanister mit Benzin, einen 10 Liter Kanister Glykol und eine Gardena Pumpspritze, die eigentlich zum Besprühen von Gartenpflanzen gedacht ist. All das Zeug verlade ich zusammen mit meinem Gepäck möglichst schonend in unserem schönen Wohnmobil, das sich derweil schon mit Frontscheibenheizung, Sitzheizung und Lenkradheizung selbst vom Frost der kalten Nacht befreit. Was für ein angenehmes Reisen ist es doch, damit unterwegs zu sein. Spurhalteassistenz, gefederte Sitze, Tempomat… Der Wagen hat einfach alles, um auch längere Strecken völlig entspannt zurück zu legen. Und was mache ich damit? Richtig: Ich fahre ganze zehn Minuten zum Flugplatz. Um dann mit dem Flugzeug zur Arbeit zu fliegen. Weil ich es nicht so gerne mag, mit dem Auto stundenlang hochkonzentriert durch Regen, Nebel und Dunkelheit zu stochern. Da gefällt es mir viel besser, für eine kurze Zeit oben drüber zu fliegen und dann, dank Autopilot und schöner Aussicht, entspannt, fröhlich und energiegeladen an meinem Ziel anzukommen. Dazu kommt, das ich ja sowieso immer zu irgendwelchen Flugplätzen reise, um dort zu arbeiten.
Rote Ampeln, Spurhalteassistenz, Abstandssensor und Tempomat erlauben mir, während der kurzen Fahrt einen ersten Blick in die aktuellen Wetterkarten zu werfen für mein heutiges Vorhaben. Heute könnte es etwas weniger entspannt sein. Nicht auszuschließen, daß heute einer der Tage sein könnte, an denen man oben ist und sich wünscht, man wäre unten… Meine Stimmung schwankt, abhängig davon, welche Vorhersage ich mir gerade ansehe. Die Low Level Significant Weather Chart prognostiziert Schneeschauer und mäßige Vereisung auf der gesamten Strecke in allen Höhen… „Ha! Diesmal hast Du Dich verzockt… Du wirst heute bei diesem Wetter niemals fliegen können, und mit dem Auto bist Du zu spät dran, um auch nur ansatzweise pünktlich zu kommen!“, meldet sich der innere Schweinehund zu Wort. Ich schaue weiter.
Die vertikale Profilansicht des GRAMET vom Autorouter, und auch die Meteogramme zeigen ein ganz anderes Bild. Über 7000 Fuß sollte es frei von Wolken und Eis sein. Ich müsste also nur den Fluglotsen klar machen, daß ich erst dann hoch in die Wolken steige, wenn der Luftraum über mir frei ist, daß ich ohne Unterbrechung direkt durchsteigen kann, dorthin, wo keine Wolken und damit auch kein Eis ist… Und dann lassen sich die einzelnen dicken Schneeschauer ja ganz gut nach Sicht umfliegen. „Das könnte klappen. Und da im Norden sieht der Himmel auch ganz freundlich aus!“
„Es hat gerade angefangen zu schneien, Du bist doch komplett wahnsinnig. Heute musst Du Dich wirklich mal geschlagen geben.“
„Das kann ich ja immer noch… jetzt schauen wir erstmal, was uns am Flugplatz erwartet…“
Und das, was uns dort erwartet, gibt dem inneren Pessimisten ordentlich Futter. Er reibt sich schon die Hände und setzt im Anbetracht des völlig vereisten Fliegers zum finalen Schlag an: „3mm dickes Eis mit Schnee oben drauf, auf dem gesamten Flieger. Die Ruder sind festgefroren… Und hier, ha! Versuch mal, durch die zugefrorenen Tankdeckel überhaupt Sprit rein zu kippen. Und wetten, die Batterie ist platt? GIB ES AUF!“
„Challenge accepted…“ Der unerschütterliche Optimist in mir hat auch so seine Prinzipien. Je mehr „herumgeunkt“ und gezweifelt wird, desto optimistischer wird er. Und so lade ich all mein Geraffel aus dem gerade schön warm gefahrenen Wagen, ziehe mir Mütze und Handschuhe an und mache mich in der Kälte an die Arbeit. Das Eis knistert und knackt, als ich beginne, es mit der Enteisungsflüssigkeit zu besprühen. Es dauert eine halbe Stunde und ich verbrate mehrere Füllungen der sauteuren, eigens für die Luftfahrt entwickelten, Enteisungsflüssigkeit mit der Gartenspritze. Aber so wirklich weniger wird das Eis zunächst nicht, und es ist viel zu hart zum wegkratzen. Und es haftet wie festgeklebt an dem stumpfen Lack. „Hoffnungslos.“ „Halt die Klappe!“ „Da tut sich mal überhaupt gar nichts, und den Motor hast Du noch nicht mal probiert anzulassen.“ „Mache ich jetzt…“
Tatsächlich war die Batterie zu schwach, um den Motor durchzudrehen. „Ruf doch wenigstens jetzt schonmal an, daß Du nicht kommst, dann können die Kunden sich wenigstens noch drauf einstellen!“
„Guck Du lieber zu, wie das Eis schmilzt, während ich den Startwagen hole!“ „Spinner…Du willst mit dem Kopf durch die Wand, weil Du stur bist. Weil Du niemals aufgibst, weil Du so ein aufgeblähtes Ego hast. Und weißt Du was passiert, wenn man in der Fliegerei stur ist und auf Biegen und Brechen…“
Ich ging fort und hörte nicht weiter hin, aber das, was ich da gehört hatte, reichte aus, um mich zum Nachdenken zu bringen. „Warum mache ich das eigentlich? Warum schinde ich mich hier in der Kälte gegen all diese Widerstände, um ein fast 60 Jahre altes, komplett vereistes Flugzeug in Gange zu bringen? Um mich dann bei diesem Wetter womöglich auch noch in eine unangenehme Situation zu bringen? Und dafür dann am Ende fünf mal so viel zu bezahlen, als wenn ich einfach den schönen Wagen mit all den Bequemlichkeiten nehmen würde? Worum geht es mir hier wirklich? Bin ich tatsächlich einfach nur stur und trotzig?“
Der Handwagen mit den Batterien und den Überbrückungskabeln war frisch aufgeladen, und während ich ihn über die rutschigen Rollwege zum Flugzeug ziehe, merke ich, wie ich tatsächlich gerade echte Freude spüre. Ja, es macht mir tatsächlich Spaß, dieses Spiel zu spielen. Zu sehen, wie sich das „unmögliche“ Stück für Stück als „doch möglich“ herausstellt. Wie die mit Zuversicht aufgeladene Vision Form annimmt und sich vor meinen Augen entfaltet. Wie ich eine Hürde nach der anderen nehme und die pessimistischen Gedanken langsam verstummen… Ja, das macht mir tatsächlich Spaß. Und ich liebe es so sehr, auszuprobieren und zu lernen, was alles möglich ist, und mit wieviel Aufwand es wirklich verbunden ist. Und ja, ich fliege wirklich sehr gerne. Und selbst, wenn ich auf dem Hinweg unterm Strich keine einzige Minute spare… immerhin darf ich dieses schöne Flugzeug durch „meinen“ geliebten Himmel steuern, an dicken Wolkentürmen vorbei, und zugucken, wie die verschneite Landschaft unter uns hindurchzieht… Das ist doch viel schöner, als viele Stunden lang von einem Stau zum nächsten zu fahren und am Ende völlig ausgelutscht und freudlos anzukommen.
Worum geht es mir denn wirklich in meinem Leben? Ich will doch so gerne Abenteuer erleben. Was liegt da näher, als das Abenteuer, das sich im täglichen Leben bietet, bereitwillig anzunehmen? Ich will doch übers Fliegen lernen und jeden Tag ein besserer Pilot werden. Erfahrungen sammeln. Intuition zu trainieren. Fundiertere Entscheidungen fällen. Ich liebe es, zu fliegen. Was liegt da näher, als die regelmäßigen Wege zur Arbeit genau dafür zu nutzen?
Das beruhigt mich… Denn da hat der alte Stinkstiefel schon Recht: Wer einfach mit dem Kopf durch die Wand will, nicht links und rechts schaut, um einfach jetzt und hier seinen Willen zu bekommen, wird sich früher oder später eine Beule holen. Das allerdings ist so ganz und gar nicht mehr meine Art.
Ich finde es vielmehr super spannend, zuzusehen, wie der Wunsch, gepaart mit Zuversicht und Mut, das Eis schmelzen kann. Sowohl im wahrsten Sinne des Wortes, wie in meinem gestrigen Abenteuer, als auch im übertragenen Sinne. Wenn wir in der Lage sind, durch das, was sich gerade vor unseren Augen abspielt, hindurch zu sehen, und die Vision dessen fest zu halten, was wir uns statt dessen zu sehen wünschen, dann schmilzt die Realität, sie wird weich und lässt sich plötzlich formen. So wie Lötzinn, daß durch die Energie des Lötkolbens nicht sofort, aber nach einiger Zeit ganz plötzlich flüssig wird.
Plötzlich ergeben sich nie gesehene Möglichkeiten, unüberwindbare Hindernisse verschwinden, und ungeahnte Wege werden frei. Ja, im Laufe des Lebens habe ich schon sehr viele Erlebnisse dieser Art gehabt, und das macht irgendwie…süchtig. Ich kann es nicht anders ausdrücken.
Wie die Geschichte ausging, könnt Ihr Euch sicher denken. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, im Verlaufe des Fluges gar kein Eis angesetzt zu haben. Und es war auch nicht durchgehend entspannt. Aber sowohl der Hin- als auch der Rückweg haben unterm Strich wunderbar funktioniert. Das Wetter hat an den entscheidenden Stellen immer wieder Wolkenlücken entstehen lassen, durch die ich mit kleinen Kursänderungen hindurch schlüpfen konnte. Die Fluglotsen haben sehr gut mitgeholfen, meine Wünsche zu erfüllen, und auch hier habe ich wieder eine wertvolle Lektion gelernt: Wer klar und frühzeitig sagt, was er braucht, und sich traut, um Hilfe zu bitten, dem wird auch in jeder erdenklichen Form geholfen.
In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gesunde Portion Optimismus und Liebe zu dem, was Ihr gerade tut. Denn damit sollen sich angeblich sogar Berge versetzen lassen. Wolken allemal. Probiert es doch auch mal aus!