Freiheit über Angst

Ein Appell an gesunden Menschenverstand zur Zeit von Covid, als sogar der Segelflug Streckenflug aus Gründen des „Seuchenschutzes“ unterbleiben sollte. Ein entsprechendes Editorial in der Zeitschrift „Segelfliegen“ wurde von Matthias Schunk verfasst, in dem er diejenigen Segelflieger aufs schärfste kritisierte, die sich über dieses „Verbot“ hinweggesetzt haben und statt dessen bei Hammerwetter große Strecken geflogen sind.

Meine Antwort, die ich zur Veröffentlichung an die Redaktion geschickt habe, findet Ihr unten. Ich wurde von der Redaktion per Email aufgefordert, meine Aussagen „zu widerrufen“. Das tat ich selbstverständlich nicht. Dennoch wurde der Leserbrief nie abgedruckt. Mein Abo der „Segelfliegen“ habe ich gekündigt 🙂

Lieber Mathias Schunk,

bei der Lektüre deines Editorials in der zweiten Ausgabe 2021 der „Segelfliegen“ hat es mich bereits arg gewürgt. Dein Kommentar dazu in der aktuellen Ausgabe verlangt schon eine große Menge Körperbeherrschung, um mich nicht auf das schöne neue Heft zu erbrechen. 

Es ist mir einfach unverständlich, wie ein Mensch, der beruflich und privat regelmäßig über den Horizont blickt, so beschränkt denken kann, und das dann auch noch verbreitet. 

Es bleibt mir nur eine Interpretation, bei der ich zugegebenermaßen von mir selber Rückschlüsse auf das Verhalten eines anderen Menschen ziehe: 

Dein Denken, deine Worte und dein Handeln sind vermutlich nicht von Vertrauen, Liebe und Hoffnung, sondern von purer Angst geprägt. 

Von Angst, dass die vermeintliche Übermacht der „nicht fliegenden anderen“ dir und den anderen Segelfliegern dieses tolle Hobby zunichtemachen. 

Angst vor Repressionen durch die ignorante blinde Masse von Menschen, die selber den Arsch nicht hochbekommen und statt dessen danach trachten, den Grund für ihr Unglücklichsein im Aussen suchen. Angst vor der Reaktion von Menschen, die das Denken an andere abgegeben haben und einfach nur von Emotionen getrieben handeln.

Ja, dieser Kreaturen gibt es derzeit viele. Und ja, diese Angst kennen wir alle nur zu gut. Wir alle, die wir unser Herz an eine Person, eine Tätigkeit oder an eine Sache gehängt haben, triefen von Verlustängsten. 

Aber was hat uns diese ständige Angst bisher eingebracht? Ist die Welt auch nir ein Stückchen freier und schöner geworden durch Angst?

Wir sehen es gerade vor unseren Augen. Menschen, die im Wald mit ihren Pappnasen im Gesicht durch die Gegend wandern. Menschen, die Freitag Abend schon gierig darauf warten, was ihnen ab Montag verboten sein wird. Menschen, die jegliche Verantwortung für sich selber, für ihre geistige und physische Gesundheit abgegeben haben und nun wie die kleinen Kinder darauf warten, dass einer kommt, und es alles wieder gut macht… Menschen, die ohne belastbare Gründe bei Hammerwetter nicht fliegen gehen. Und Menschen, die sich erdreisten, über diejenigen zu urteilen, die es dennoch tun. 

Was bitte haben diese Angst basierten Auswüchse von Ignoranz und Realitätsverleugnung mit dem Spirit des schönsten Hobbys der Welt zu tun? 

Wieviele junge Menschen hätten je den Traum vom Fliegen erleben können, wenn sie sich statt von Mut und Vertrauen von Angst hätten leiten lassen? 

Wieviele neue Strecken durch die Alpen hättest du entdeckt, wenn du stets die selben Wege geflogen wärst und dich vom unreflektierten Stammtischgerede der anderen „Herdenflieger“ hättest leiten lassen? 

Wieviele neue Entwürfe hätten die Konstrukteure zum Fliegen gebracht, wenn sie nicht gerade diesem inneren Antrieb gefolgt wären, sich kreativ Lücken zu suchen und abseits vom Mainstream ihre Wege zu suchen?

Wir sind diejenigen, die das Zeug dazu haben, SELBER ZU DENKEN, und wir sind diejenigen, die in der Lage sind, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Wir sind in der Natur zuhause und wissen um die großen Zusammenhänge und die Erhabenheit der Natur. Wir sind von Natur aus neugierig und experimentieren. Wir sind diejenigen, die sich von Gerede nicht einschüchtern lassen und statt dessen unser Handeln auf Fakten basieren. Wir sind diejenigen, die in der Lage sind, noch wirklich von Mensch zu Mensch zu interagieren, Netzwerke zu bilden und zu erhalten und uns mutig der Zukunft zu stellen. Wir Flieger, die wir heute noch immer dabei sind, sind eine multiresistente Spezies und in diesem Bereich das höchste, was die Evolution bisher zustande gebracht hat. Es ist unserer nicht würdig, und auch völlig unnötig, Angst zu haben, und unsere Entscheidungen auf Angst zu basieren. Wenn in dieser Phase des Wechsels und Wandels irgendwer keine Angst haben muss, dann sind es die Segelflieger, aus den oben genannten Gründen, und noch einigen mehr. Ich würde mir wirklich wünschen, dass du als Vorbild und Multiplikator dir deiner Macht und deines Einflusses bewusst wirst und dieses Bewusstsein dann zum wirklichen Wohle der Flieger einsetzt. „Opfer müssen gebracht werden.“, so sagte Otto Lilienthal auf dem Weg ins Krankenhaus. Hätte er das Fliegen aus Angst vor seinem Tode lieber lassen sollen?

Dein 1000 Fuss Go Around Beispiel ist der Hammer. Ja, wenn wir dem Ziele näher kommen wollen, in einem hochdynamischen, technisch komplexen Umfeld wie der kommerziellen Luftfahrt ein für die (ehemals) kritische Allgemeinheit akzeptables Sicherheitsniveau herzustellen, dann ist es sicherlich angebracht, einige fest gesteckte Grenzen ohne weitere Diskussion einzuhalten.

Aber dieses Beispiel auf unsere Gesellschaft, insbesondere auf die Einschränkungen von Bürgerrechten, anzuwenden, lässt mich auf eine Geisteshaltung schließen, die nicht weit weg ist von der unserer Großväter, die ja auch ganz gehorsam immer das getan haben, was ihnen von „oben“ vorgegeben wurde. Ob es ihnen nun gepasst hat, oder nicht. Die grausamen Konsequenzen dieses Verhaltens sind den meisten von uns bis heute noch unangenehm. Bei den Mauerschützen der DDR gab es übrigens auch eine Linie, die nicht überquert werden durfte. Haben auch andere Menschen festgelegt.

So, nun bin ich fertig und schicke diesen Brief an die Redaktion. Wenn ihr ihn als Leserbrief abdrucken wollt, könnt ihr das natürlich gerne tun, aber viel wichtiger ist mir, dass ich es von der Seele habe. 

Ich wünsche dir und allen anderen Fliegern allzeit schöne Flüge und ein wachsames Auge für die Dinge, die sich im Hintergrund abspielen und die sich durch bloßes Wegsehen oder Kleinbeigeben nicht kurieren werden. 

Ein Zitat von Mahatma Ghandhi hätte ich noch im Angebot: „Sei du selbst die  Veränderung, die di dir für diese Welt wünschst.“

Wie möchten wir in Zukunft leben?

Viele Grüße,

Christian Weidner