Lass mich spielen!

„Guck mal da links, was für eine schöne Wolke! Können wir da bitte mal einen Schlenker drum herum fliegen? Das macht immer so viel Spaß!“

„Nein, nicht bei dieser Wolke. Die ist schon fast querab, das wäre ein zu großer Umweg. Wir sind gerade auf einem Streckenflug, wir wollen an ein Ziel. Du weißt, wie wichtig mir Effizienz ist. Umwege sind mir zuwider. Erinnerst Du Dich an vorgestern auf dem Hinweg, als die Fluglotsin uns diesen völlig bescheuerten Steuerkurs angewiesen hat, fast im 90 grad Winkel zu unserem gewünschten Flugziel? Hast Du nicht gemerkt, daß ich davon fast ausgeflippt bin?“

„Ja klar hab ich das gemerkt. Du hast Dich in Deinem Sitz gewunden und gezappelt und Dir die Haare gerauft und geflucht. Du hast mehrfach überlegt, einfach den Instrumentenflugplan zu canceln und uns senkrecht nach unten aus dem kontrollierten Luftraum heraus zu stürzen, nur, um endlich wieder auf Deinen geliebten Kurs zu gelangen. Ja, ich habe gesehen, daß es Dir fast schon körperlich weh getan hat, diese zwei Minuten Umweg zu fliegen.“

„Fast schon? Du machst Scherze! Es HAT mir weh getan!“, unterbrach ich.

„Warum bist Du denn nicht Eisenbahnfahrer geworden? Da hättest Du die ganze Zeit stur geradeaus fahren können ohne lästige Kurven! Ganz ehrlich, das ist doch völlig hirnrissig. Du tust ja gerade so, als hätten wir, um die dritte Dimension zu erhalten, die zweite abgeben müssen!“

Das hat gesessen. 

Der Autopilot wusste gar nicht, wie ihm geschah, so schnell entband ich ihn durch einen Knopfdruck von seinen Pflichten. 

Jedesmal, wenn ich in diesem Flugzeug die Steuerung von Hand übernehme, ist es wie eine Offenbarung. Ich habe noch kein Flugzeug geflogen, das sich so wunderbar ausgewogen fliegen lässt. Mit chirurgischer Präzision lassen sich Steilkurven und allerlei andere für ein Reiseflugzeug sehr untypische Manöver um Quellwolken oder echte Berge herum zirkeln, während die Tragflächen elegant und zügig durch die Luft schneiden.

Eine Zeit lang toben wir gemeinsam um die weißen Wolkentürme herum und brausen gemeinsam in enger Formation mit unserem Schatten in wilder Fahrt durch die dunklen engen Schluchten zwischen den zusammenwachsenden Quellwolken. Wir staunen über die große Höhe, die erst durch den Blick an einer Wolkenkante entlang über die Tragflächenspitze senkrecht nach unten, wirklich erfahrbar ist. Die Dynamik unserer Bewegung spüren wir durch den anhaltenden Druck im Sitz, der erst bei hohen Geschwindigkeiten über längere Zeit konstant auftreten kann. 

„Was für ein Geschenk, eine Beech Bonanza fliegen zu dürfen. Und was für eine Vergeudung, damit immer nur geradeaus zu fliegen.“, denke ich mir, während weit unter uns tatsächlich ein Zug mit ebenso hoher Geschwindigkeit die Landschaft durchquert, jedoch ohne die Freiheit, die uns die Fliegerei bietet, wenn wir uns denn darauf einlassen.

Den Rest der Strecke flog ich dann von Hand und gab mir Mühe, immer mal wieder bewusst von der geraden Linie abzuweichen und die eine oder andere kleine Wolke zu streifen. 

Nicht, weil ich es müsste… Weil ich es kann!