Schwarz. Die Nacht ist komplett Schwarz. Die Wolken um mich herum sind so dicht, daß sogar das Positionslicht an der Tragflächenspitze, wenige Meter vom Fenster entfernt, nur sehr schwach zu erkennen ist. Zwei Kilometer unter mir ist der Erdboden, mit seinen Feldern und Ortschaften, Hügeln und Wäldern. In ebenso dichte feuchte Watte verpackt. Irgendwo weit oben scheint der Mond und die Sterne funkeln. Nichts davon sehe ich, wenn ich mich nach vorne lehne und den Blick nach oben richte. Die Wolkenschicht erstreckt sich noch viele tausend Meter über mir und lässt dem Licht keine Chance, mich zu erreichen.
Jetzt bin ich also wieder da, wo ich immer sein wollte. Frei und selbstbestimmt, auf dem Weg irgendwo hin, mein Leben ein einziges Abenteuer. Niemand, vor dem ich Rechenschaft ablegen muss. Keine Verpflichtungen. Keine Diskussionen, keine Streits, keine Kompromisse. Keine Schuldgefühle, wenn ich nicht so bin, wie sie es von mir erwartet. Kein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder mal meinen eigenen Weg gegangen bin, anstatt Rücksicht zu nehmen.
Rücksicht nehmen, das hatte ich eh nie gelernt. Ja, ich habe gelernt, rücksichtsvolles Verhalten zu imitieren. Mich zurück zu nehmen, um nicht unangenehm aufzufallen, oder um anderen nicht zur Last zu fallen. Ich habe mir auch angewöhnt mich zurück zu nehmen, um anderen Menschen nicht mit meinem Erfolg und meiner Freude am Leben vor den Kopf zu stoßen und sie damit zu verärgern. Und aus sogenannter Höflichkeit heraus habe ich schon oft den Mund gehalten, wenn ich etwas zu sagen hatte, das einem meiner Mitmenschen unangenehm hätte werden können. Aber echte Rücksichtnahme, aus echtem Gemeinschaftsgefühl heraus, das ist mir bis heute fremd. Wie ein streunender Hund, der immer entweder hungrig ist, oder Angst hat, wieder hungrig zu werden, so bin auch ich dazu über gegangen, mir mein bester und einziger Freund zu sein. Und alles, was meine Freiheit oder meine Grundbedürfnisse auch nur im entferntesten zu bedrohen scheint, wird entweder gemieden oder angegriffen.
Für Rücksicht gab es in meinem Leben bisher keinen Platz, und erst recht keine Notwendigkeit. Im Gegenteil: Rücksicht zu nehmen bedeutet, freiwillig auf Vorteile zu verzichten. Keine gute Idee. Und plötzlich soll das, was mir bis heute mein Überleben gesichert hat, falsch sein? Grund mich zu entschuldigen? Angekrochen zu kommen und Hochverrat begehen an allem, was mir wichtig ist? Was mich ausmacht? Ich soll mich dafür entschuldigen, daß ich so bin, wie ich bin? Darauf kann sie lange warten, meinetwegen so lange bis sie schwarz wird!
Schwarz. Genau so schwarz, wie um mich herum, ist es auch in meinem Herzen. Dort, wo sich seit ein paar Monaten immer mal wieder ein Funken Licht hat blicken lassen, ist nun wieder tiefe, schwarze Dunkelheit eingekehrt. Und es ist kalt. Draußen ist es so kalt, daß sich Eis an den Tragflächen bildet, das mein Flugzeug schwerfällig und träge macht. In meinem Inneren fühlt es sich genau so vereist an. Und einsam. So einsam, wie ich mich im Außen wähne auf diesem Flug durch die Nacht, so einsam fühle ich mich auch. Im Funk ist nichts los, denn um diese Zeit fliegt außer mir niemand. Die wenigen Male, die ein Fluglotse mit mir spricht, sachlich und distanziert, verstärken nur noch mein Gefühl, nicht dazu zu gehören.
Ich fühle mich wie ein Astronaut, dem beim Weltraumspaziergang die Leine zu seinem Raumschiff abgerissen ist. Leere, Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit umgeben und erfüllen mich gleichermaßen. Die Welt um mein Flugzeug herum spiegelt meine Innenwelt.
Ich will das so nicht! Das ist grausam! Und es führt nirgendwo hin, außer in den Tod!
Welchen Wert hat schon die Freiheit, ohne die Möglichkeit, in die Geborgenheit zurück kehren zu können?
Welche Bedeutung hat ein Abenteuer, ohne einen warmen Platz vorm Ofen, an dem man sich wieder aufwärmen kann? Wofür all die Erlebnisse, wenn man sie mit niemandem teilen kann?
Niemand außer mir kann mir heute Nacht diese Fragen beantworten.
Niemand außer mir hat es in der Hand, den Kurs um 180 Grad zu ändern.
Niemand außer mir kann den Sinkflug einleiten und die beleuchtete Landepiste ansteuern, die ich vorhin „auf Nimmerwiedersehen“ hinter mir gelassen habe.
Niemand außer mir hätte mir heute Nacht diese wertvolle Lektion erteilen können.