Das Geschenk

Wir haben ein Geschenk bekommen! Ganz unverhofft lag es plötzlich Anfang 2022 vor uns. Wirklich? Für UNS??? Wir prüften einige Zeit ganz genau die Aufkleber, und stellten fest, daß dieses Geschenk tatsächlich an uns adressiert war. Wir hatten so kurz nach Weihnachten überhaupt nicht mehr damit gerechnet, daß wir noch etwas geschenkt bekommen würden und waren ziemlich aufgeregt. Klar waren wir sehr neugierig, wussten wir doch aus Erfahrung, daß manchmal völlig unerwartet die schönsten Geschenke zu uns kommen.

Das Papier war wunderschön, und die Form darunter ließ schon erahnen, daß es sich um genau das handeln könnte, was wir uns schon so lange gewünscht hatten. Es roch vertraut, es fühlte sich vertraut an, und es sah aus, als wäre es schon immer unseres gewesen… Also zögerten wir nicht lange und gingen drauf los, es auszuwickeln. Das Geschenkpapier war so schön weich, duftete und ließ sich so leicht abwickeln, daß es eine Freude war, darin zu versinken, und wir konnten kaum erwarten, die nächste Lage zu öffnen als Du plötzlich…. „Aua“! schriest und zurück wichst. Ich sehe es noch heute vor meinem inneren Auge, wie Du dich angewidert abwendest. „Aua, dieses Scheißgeschenk hat mir weh getan! Ich hab mich am Papier geritzt!“ 

Ich habe versucht, Dich zu trösten, Dir ein Pflaster gebracht… Und kurz darauf machten wir uns wieder an die Arbeit. Unter den ersten Verpackungsschichten aus dem schönen Papier stießen wir bald auf eine Wand aus Holz. Bei dem Versuch, ein Brett herauszuziehen, riss ich mir die Hand ganz fürchterlich auf und das tat so schrecklich weh! „Nie wieder pack ich diese Kiste an, egal, was da drin ist!“ fluchte ich und hielt mich für einige Zeit fern, bis die Wunde einigermaßen verheilt war. Du kamst zu mir mit den Worten: „Hey Schatz, das Geschenk ist für uns beide bestimmt. Ich kann es alleine nicht auspacken, und es macht auch keinen Spaß. Ich hab mal vorsichtig durch einen Spalt gelunzt und da drin glitzert und leuchtet alles, das wird Dir sicher auch gefallen!“  So machten wir uns bald wieder an die Arbeit, Brett für Brett zu entfernen, und tatsächlich! Es waren darunter Gold und Diamanten versteckt! Mein Unmut war wie weggeblasen. Mühelos packten wir weiter aus, Brett um Brett hebelten wir die Kiste auf und achteten nicht weiter auf die leichten Blessuren, die wir uns dabei holten, und irgendwann lag vor uns ein großer Schatz auf dem Boden im Wohnzimmer. Wie wir uns freuten! Wir feierten unseren gemeinsamen Schatz einige Zeit lang und waren richtig glücklich. Bis uns irgendwann die Frage kam, ob es wohl unter dem Schatz noch mehr zu entdecken gab? Es war schon ein sonderbares Geschenk, denn je mehr Verpackung wir drumherum entfernten, desto größer wurde es! Und als wir anfingen, die Diamanten und das Gold beiseite zu schaufeln, entdeckten wir darunter eine Blechkiste mit Beschriftungen. 

„Vorsicht, dieses Geschenk ist nicht für Dich, Du hast das nicht verdient!“, las ich auf meiner Seite.

 „Was ist denn das für eine Verarsche? Dafür werd ich mir hier kaum die Mühe machen und mir die Hände blutig schuften! Blöde Kiste!“

„Verarsche? Was fällt Dir ein, so darüber zu sprechen! Deine Stimme klang so unendlich enttäuscht und verletzt. Und ich fühlte mich so alleine und unverstanden. Als ich um die Kiste herum ging, um mir was zum Trinken zu holen, sah ich ein wunderschönes Bild von uns beiden, wie wir als Paar zusammen am Strand entlang schlendern im Sonnenuntergang, Hand in Hand, auf Deiner Seite der Kiste aufgemalt. Ich verstand jetzt, daß wir beiden zwar die selbe Kiste auspackten, aber unsere Wahrnehmung war sehr verschieden. Du warst sauer, daß ich nicht erkennen konnte, was Du sahst. Ich fühlte mich mit meiner Angst ungesehen. Wir sahen uns eine Weile dieses schöne Bild von uns beiden an und meine Zweifel wichen der Lust, weiter auszupacken, die Kiste zu öffnen… Also machten wir uns wieder gemeinsam an die Arbeit. Du warst gerade an einem Schlösser zugange, als Du plötzlich zögertest. „Ich trau mich nicht weiter. Lass mich ab jetzt mit diesem blöden Geschenk in Ruhe. Ich hab eh schon viel zu viel Zeit damit verbracht und genug andere Dinge zu tun!“ Ich traute meinen Ohren nicht, war ich doch gerade dabei, durch ein Schlüsselloch zu schauen und unseren eigenen Flugplatz zu betrachten, mit unserem eigenen Hangar, und nebenan unser Holzhaus am See, die Pferdewiese, der Doppeldecker wiegte sich sanft im Abendwind und der Hund sprang hinter den Schmetterlingen her… „Spinnst Du, was ist denn los? Hat der Hund die falsche Farbe oder was stellst Du Dich so an?“ Meine Verärgerung war kaum zu überhören. „Ach lass mich in Ruhe!“ riefst Du, und weg warst Du. „Das versteh mir einer…“ dachte ich mir. Ich war enttäuscht, daß Du anscheinend kein Interesse hattest an dem, was uns beiden doch angeblich so gut gefiel, und ich war mega genervt, daß Du so schnell aufgibst. „Bestimmt ist ihr ein Fingernagel abgebrochen…“ dachte ich mir noch und ging auf die andere Seite, wo Du bis eben warst. „Warnung. Der Inhalt dieser Kiste wird so schön sein, daß es Dir das Herz zerreißen würde, ihn jemals wieder zu verlieren! Lass es lieber!“, stand in gut lesbaren Lettern neben dem letzten Schloss, was noch zu öffnen war. 

Ich habe Dich einige Zeit lang gesucht und es war nicht einfach, Dich zu überzeugen, mit dem Schlüssel zurück zu kommen. Ich erzählte Dir alles, was ich in der Kiste sehen konnte und wir versprachen einander, uns in Zukunft immer daran teilhaben zu lassen, was wir in dem Geschenk schon sehen können, besonders dann, wenn Du oder ich es gerade mit der Angst zu tun haben… 

Du warst einmalmehr mit von der Partie und gemeinsam gelang es uns, den schweren Deckel aufzustemmen. 

Darunter lagen Fotoalben und Bücher, für die wir uns gemeinsam einige Zeit nahmen. Es waren Bilder von wunderschönen gemeinsamen Reisen, Abenteuern, und auch von kleinen alltäglichen Erlebnissen. Ein Buch war jedoch pechschwarz und hatte eine sehr finstere Ausstrahlung. Beide hatten wir ein schlechtes Gefühl bei dem Gedanken, es anzusehen. Es machte uns beiden mächtige Angst, uns damit zu befassen. Auf der einen Seite stand Dein Name, auf der anderen Seite war mein Name eingraviert in goldenen Lettern. Auf dem Buchrücken war ein goldener Schlüssel befestigt. Er ließ sich nicht lösen, war wie in das Buch eingegossen. Ansonsten war das Buch so schwarz, daß es förmlich alle Farbe um sich herum einzusaugen schien. 

Wir drückten uns wirklich lange, die Tage zogen ins Land, der Alltag ließ uns dieses seltsame Geschenk vergessen.

Bis mir irgendwann beim Aufräumen dieses schwarze Buch wieder in die Hände fiel. Besser gesagt, durch die Hände fiel, und als es auf dem Boden landete, hatte sich die erste Seite meiner Hälfte geöffnet.

Als ich es umdrehte, sah ich in Dein Gesicht. Mit voller Wucht kamen mir Worte, Gefühle und Gedanken entgegen geflogen und prasselten auf mich ein, in voller Härte. Sie waren so dunkel, wie der Einband des Buches. Es hörte gar nicht mehr auf. Eine Gemeinheit, eine Unterstellung, eine Lüge, ein dunkler Gedanke nach dem anderen. Gnadenlos und ohne Pause. Ich klappte das Buch zu, sank zu Boden und rang um Fassung. Wie konntest Du nur all diese Gemeinheiten über mich denken und sagen, und so viel Wut, Hass und Verachtung für mich fühlen? Für mich, der sein Leben mit Dir geteilt hätte? Der jeden noch so langen Weg mit Dir gegangen wäre? Durch dick und dünn?

Wut kam in mir hoch, wie noch nie zuvor. Ich brüllte Dich an und schmetterte Dir das Buch vor die Füße. Ich wollte es nicht haben. Ich wollte überhaupt nichts mehr haben, von Dir nicht, von diesem fürchterlichen Geschenk nichts, gar nichts! Ich packte meine Sachen und verließ Dein Haus. Du riefst mir nach, daß wir ab jetzt getrennte Wege gehen, was mir nur recht war. Mit einer Frau, die mich derart verachtet, werde ich keine Minute länger verbringen!

Einige Wochen später fand ich im Briefkasten einen Abschiedsbrief von Dir, und das schwarze Buch.

„Niemals werde ich je die zweite Seite aufschlagen. Was immer in diesem Geschenk verborgen ist… Dafür werde ich mir niemals auch nur eine weitere Seite in diesem Buch ansehen. Ich habe es nicht verdient, mit einem Mann zusammen zu sein, der so über mich denkt und mich so verachtet. Und daß Du mich so angebrüllt hast, zeigt mir eindeutig, daß es für uns niemals einen gemeinsamen Weg geben kann. So habe ich es nicht verdient, behandelt zu werden!“

Das ist jetzt schon lange her. 

Irgendwann, als ich mich einigermaßen von unserer Trennung erholt hatte, fand ich den Mut, mir das Buch noch einmal vorzunehmen. Ich würde jeden einzelnen Vorwurf, jedes Wort, jeden Gedanken darin auf Wahrheit überprüfen. Ich hatte es satt, so verurteilt zu werden und mir vorgenommen, alles haarklein auseinander zu nehmen und zu entkräften, was nicht wahr ist. Und wenn ich damit durch wäre, würde ich das Buch verbrennen. 

So begann ich auf Seite 1, dann ging es immer weiter nach hinten. Ein nicht enden wollender Strom von Dunkelheit traf mich wie eine Reihe von Kanonenkugeln… ich musste mehrmals Pause machen, mich sammeln und erholen. Es dauerte Tage und Wochen, ich heulte, schrie, schimpfte, brach zusammen, rappelte mich wieder auf und schlussendlich hatte ich das gesamte Buch angehört und gefühlt. Alles habe ich aufgeschrieben, alles minutiös auf Wahrheit geprüft und stellte letztlich fest, daß NICHTS davon wirklich stimmte. Es war alles eine einzige Ansammlung von Lügen, die dieses Buch über mich erzählte.

Als mir das klar wurde, verstummte das Buch plötzlich. Stille durchflutete den Raum.

Ich konnte plötzlich Mitgefühl und Liebe für mich empfinden, wo vorher nur Hass, Scham und Verachtung zu fühlen war. All die dunklen Gefühle aus dem Buch wichen von mir, wie Krähen von einem Baum.

Ein bisher unbekannter Frieden durchströmte mich.

Daraufhin hatte ich zum ersten Mal den Mut, das Buch überhaupt anzusehen. Bisher hatte ich all die Seiten aufgeschlagen, ohne je meinen Blick darauf zu richten. So sehr hatte ich mich gefürchtet, Dir nochmal in die Augen zu sehen.

Was ich jedoch sah, warf mich fast um. 

Ich sah in dem Buch nicht Dein Gesicht. 

Ich sah mich selbst. 

Es tut mir leid.

Bitte verzeih mir.

Ich liebe Dich.

Danke!

♥️