Gedanken am 30.03.2023

Heute ging ich in Wien spazieren und sah einen Mann, der unter einer Brücke hauste. Er hatte sich ein kleines Lager aufgebaut aus seinen Schlafsäcken und ein paar Habseligkeiten.

Ich blieb einige Meter weit entfernt stehen und beobachtete ihn so beiläufig, wie möglich. Dabei gingen mir Gedanken durch den Kopf, und der innere Dialog ging in etwa so:

„Soll ich ihn ansprechen und ihm etwas Geld geben?“

„Naja, damit könntest Du ihm zu nahe treten und ihn vielleicht sogar beleidigen. Weißt Du noch die alte Frau in Bukarest, die wollte auch kein Geld und auch sonst nichts.“

„Aber vielleicht hilft es ihm ja auch, alleine, daß sich jemand Zeit nimmt und ihm Aufmerksamkeit gibt. Und Geld braucht er ganz sicher. Das ist offensichtlich.“

„Willst Du Dir jetzt wirklich die Lebensgeschichte von dem erzählen lassen? Der ist bestimmt voll auf dem Opfer-Trip und macht die ganze Welt für sein Schicksal verantwortlich. Wenn Du ihm dann zuhörst und ihm womöglich noch Recht gibst, indem Du ihn bemitleidest, was hilft ihm das dann?“

„Aufmerksamkeit und etwas Geld kann zumindest nicht schaden.“

„Und dann denkst Du, daß Du ein besserer Mensch bist, wenn Du ihm jetzt was gibst? Und daß der liebe Gott Dich dann dafür belohnen wird? Vergiss es! -In dem Moment, indem Du es mit dem Hintergedanken tust, dafür selber etwas zu bekommen, bekommst Du gar nichts. Denn für berechnendes Verhalten hat Gott nichts übrig. Nur wenn Du aus freien Stücken gibst, bekommst Du etwas dafür zurück, sonst nicht.“

Dann fühlte ich mich ziemlich verunsichert und bat Gott um Hilfe dabei, zu erkennen, was richtig ist. Die Versuchung, einfach weiter zu gehen, war groß.  Und der Widerstand, zu dem Mann hin zu gehen, war auch groß. Ich hatte Schwierigkeiten, meine Motive zu deuten. War es wirklich der selbstlose und reine Wunsch, zu geben, oder waren da tatsächlich selbstsüchtige Motive im Spiel? 

Die Antwort von oben war so einfach wie genial:

Es ist völlig unerheblich, aus welchen Motiven Du dem Mann etwas schenkst. Es hilft ihm so oder so.“

Ich habe dem Mann dann das Geld gegeben und er hat sich sehr gefreut. 

Das größte Geschenk jedoch habe ich aus dieser Situation mitgenommen, denn mir ist klar geworden:

Wenn ich vermute, daß ich aus selbstsüchtigen Motiven heraus schenken könnte, (was ja bedeutet, daß ich dafür keinerlei Belohnung erhalten werde), und dann trotzdem schenke, dann kann es gar nicht selbstsüchtig sein. Logisch? Logisch!

Über diese Erkenntnis habe ich mich so sehr gefreut, daß ich dann noch einkaufen gegangen bin und dem Mann zwei große Tüten mit Essen, Besteck,Waschzeug und Klopapier hingestellt habe, über die er sich bestimmt freut, wenn er „nach Hause“ kommt.

Der innere Dialog ging dann auf dem Weg zum Einkaufen natürlich noch weiter:

„Warum glaubst Du, daß gerade Du das tun sollst? Daß es gerade Dich etwas angeht?“

„Weil ich es wahrgenommen habe. Wenn es vor meiner Nase passiert, und mich nicht kalt lässt, dann geht es mich auch etwas an.“

„Du kannst die Welt nicht retten, und den Typen auch nicht. Nach drei Tagen werden die Äpfel aufgegessen sein und das Brot schimmelig…“

„Die Welt und der Mann werden nicht durch mich alleine gerettet. Ich leiste heute meinen Beitrag, und an einem anderen Tag wird ein anderer Mensch von Gott beauftragt werden, ihm zu helfen. So lange, bis er sich selber wieder helfen kann.“

Nachdem ich die Tüten unter der Brücke abgestellt hatte, auf dem Weg ins Hotel:

„Und jetzt fühlst Du Dich besonders toll, weil Du glaubst, Gottes Werkzeug zu sein in dieser Welt? Das ist maßlos, selbstgerecht und völlig ungerechtfertigt.“

„Ja, ganz ehrlich, ich fühle mich großartig. Es ist mir eine Ehre und eine große Freude, das weiterzugeben, was mir selber durch andere Menschen zuteil wurde, die mich wissentlich oder unwissentlich in Gottes Auftrag gerettet haben.“

„Mir fehlen die Worte…“

„Endlich!“