Ich werde hier etwas mit Euch teilen, wie es in meinem Gefühlsleben aussieht. Ich erwarte nicht, daß Ihr es nachvollziehen, oder gar Verständnis dafür aufbringen könnt. Denn ich erwarte nichts von Euch, das ich selber nicht zu leisten imstande bin.
Oder habt ihr es vielleicht auch schon erlebt, daß Ihr die krassesten Sachen macht, die schönsten Orte besucht, die ausgefallensten Jobs macht, ein Leben voller Abwechslung führt, und es irgendwann komplett normal wird? Daß der Puls nicht mehr über 60 kommt, während ihr im rasenden Konturenflug zwischen Gletschern und Wasserfällen hindurch saust? Daß ihr im Sinkflug während eines Reisefluges aus Spielerei eine Fassrolle fliegt, so perfekt, daß die offene Brotbox samt Inhalt auf dem rechten Sitz nicht mal einen Millimeter verrutschen, nur, um überhaupt noch etwas Freude am Fliegen zu spüren?
Ich erinnere mich noch an meine ersten Flüge als kleiner Junge, zusammen mit meinem Papa. Ich saß hinten in der alten Piper PA 18 und konnte über den Kabinenrand hinweg alles genau beobachten. Die roten Querruder, wie sie sich von den an den Tragflächenverstrebungen entlang verlegten Seilzügen angetrieben nach oben und unten bewegten, wenn ich den langen Steuerknüppel hin und her bewegte. Auf dem Steuerknüppel war ein Gummigriff, so, wie er auf die Lenker von Fahrrädern montiert wird, und der hatte rechteckige Vertiefungen. Der Gashebel war schwarz angemalt und unter der abblätternden Farbe schimmerte Gelb durch. Mit den Tanks in den oben liegenden Tragflächen verbundene Glasröhrchen zeigten mit Hilfe eines oben auf schwimmenden Kirschkernes an, wieviel Benzin wir noch hatten.
Die kindliche Freude, wenn das Rad auf der Startbahn anfing, immer schneller zu drehen und sich schließlich vom Boden löste, während unser Schatten darauf zurück blieb und langsam kleiner wurde… Dieses Kribbeln im Bauch, wenn wir hochgezogene Kehrtkurven zwischen den kleinen Quellwolken machten, und sich die grünen Wiesen und leuchtend gelben Rapsfelder dabei oben im Dachfenster zeigten, während wir in rasender Fahrt wieder nach unten stachen…
Der ganz besondere Geruch von Leder, AVGAS, Spannlack, Holz dieses kleinen Flugzeuges wird mir immer vertraut bleiben. Und wann immer ich meine Nase neugierig in ein schönes altes Flugzeug stecke, und es dort so duftet, schlägt mein Herz gleich wieder höher in Erinnerung an diese wunderschönen Zeiten voller Abenteuer und Freude.
Was ist passiert seit dieser Zeit, in der ich nicht genug bekommen konnte vom Fliegen, von Flugzeugen, von Flugplätzen? Hat sich die Begeisterung langsam herausgeschlichen, oder ist sie abrupt versiegt? Ist sie weg, oder stagniert sie nur gerade vor dem nächsten großen Schritt?
Wie, wenn man sich während der Beziehung zu seiner großen Liebe plötzlich fragt: „ Wo ist sie hin, die Begeisterung, die Leichtigkeit, die Freude, und die Lebendigkeit, die wir doch damals zusammen gefühlt und erlebt haben…? Sind wir nicht zusammen durch dick und dünn gegangen? Haben wir uns doch all unseren Herausforderungen gestellt, die uns in den Jahren begegnet sind, und jetzt stehen wir uns ausgebrannt und erschöpft gegenüber und fühlen nicht mehr das, was wir aus der Anfangszeit kennen. Ist das jetzt die Zeit, zu gehen, sich etwas neues zu suchen? Nach allem, was ich inzwischen über Beziehungen zwischen Menschen gelernt habe, ist dies der Punkt, an dem man sich wieder neu für seine bestehende Beziehung entscheiden darf, wenn man möchte, daß die nächste Stufe der Vertrautheit und Verbindung entsteht.
Sollte es mit meiner anderen großen Liebe, der Fliegerei, etwa genau so sein?
Ja, wir haben auf dem langen gemeinsamen Weg die Freude verloren. Aus den Geschenken, wie es zum Beispiel die ersten längeren Thermikflüge im Segelflugzeug noch waren, sind mit der Zeit Selbstverständlichkeiten geworden. Selbstverständlich habe ich ein eigenes Flugzeug. Selbstverständlich können wir am Wochenende zum Zelten auf eine kleine Dänische Insel fliegen. Selbstverständlich kann ich morgen früh um 8 an meinem Heimatflugplatz starten und, egal, wie das Wetter ist, quer durch Deutschland zu meinem nächsten Auftraggeber fliegen.
Selbstverständlich bin ich rechtzeitig zurück, um am gemeinsamen Kinobesuch teilzunehmen. Selbstverständlich kann ich nächste Woche in Norwegen sein und die Schulung der neuen Kollegen im Wasserflugzeug übernehmen und dabei durch die atemberaubendste Landschaft fliegen.
Selbstverständlich? Genau das ist es. Aus Geschenken, die wir dankbar empfangen haben, wird, angetrieben durch den Wunsch nach „mehr davon“ irgendwann eine Selbstverständlichkeit.
Selbstverständlich ist meine Partnerin für mich da, wenn es mir schlecht geht. Selbstverständlich kocht sie mir ein gesundes und leckeres Essen, wenn ich heim komme. Selbstverständlich lächelt sie mich dankbar und liebevoll an, wenn wir morgens zusammen aufwachen.
All das ist menschlich. Es ist menschlich, sich an alles zu gewöhnen und dann frustriert zu fühlen, daß der Zauber ausbleibt, wenn wir die Dinge als selbstverständlich erachten.
Glücklicherweise ist es ebenso menschlich, sich dieser Dinge bewusst zu werden. Dann können wir den Autopiloten, der auf „mehr von allem“ eingestellt ist, ausschalten und uns wieder in Dankbarkeit üben.
Danke für die Erkenntnis, daß in Wirklichkeit nichts selbstverständlich ist.