Der Kolibri hat eine Frage

So, wie manche Menschen sich für Vögel interessieren, so interessierte ein Kolibri sich eine Zeit lang für Menschen. Woher dieses Interesse kam, konnte er gar nicht genau sagen, er fühlte sich einfach hingezogen zu diesen sonderbaren Wesen. Es begann, als er eher zufällig auf der Suche nach besonders gut schmeckenden Blüten einen botanischen Garten fand, in dem sich auch einige Menschen aufhielten. Erstaunlicher Weise interessierten sie sich ebenfalls für die Blumen, aber sie machten keinerlei Anstalten, von dem Nektar zu probieren. Sie betrachteten die Blumen aus einiger Entfernung, manchmal gingen sie auch dichter heran und rochen an den Blüten, aber niemand von ihnen probierte, an den Blütennektar zu kommen. Vermutlich ernährten sie sich von anderen Essenzen aus den Blüten, die sie aus der Betrachtung ihrer Schönheit gewannen. Oder durch das Riechen an den Blüten. Dem Kolibri fiel es nämlich auf, dass die Menschen sich schon nach kurzer Zeit in dem Garten veränderten. Er konnte wahrnehmen, dass ihre Bewegungen flüssiger wurden, und ihre Stimmen bald melodischer klangen, wenn sie sich unterhielten. Auch das Energiefeld um die Menschen herum begann, heller zu leuchten und auch größer zu werden, wenn sie sich einige Zeit bei den Pflanzen aufhielten. Das war schon spannend zu beobachten. Auch wie die Menschen sich quasi im Vorbeigehen von den Pflanzen reinigen ließen. Die dunklen Stückchen, die sie in ihren Energiefeldern mit sich herum trugen, wurden quasi im Vorbeigehen von den Pflanzen heraus gefiltert. 

Der Kolibri war fasziniert und bewunderte die Menschen für dieses elegante Zusammenspiel mit den Pflanzen um sie herum.

Der Kolibri blieb einige Tage in dem Garten und schaute sich die Menschen genauer an, wann immer er sie zu sehen bekam. Dabei machte er noch einige sonderbare Entdeckungen.

Manche Menschen setzten sich auf eine Bank und hielten dann vor sich ein großes Blatt Papier, auf das sie dann lange schauten. Je länger sie darauf schauten, desto dunkler und kleiner wurde ihr Energiefeld, das sie umgab. Der Kolibri konnte richtig sehen, wie es sich mit Dunkelheit füllte, und auch wie die Gesichter der Menschen mit dem Papier vor dem Gesicht immer ernster und faltiger wurden. Wenn sie dann den Park wieder verließen, gingen sie oft steif und gebückt, und sie schauten gar nicht auf die Blumen. 

Einmal konnte der Kolibri einen sehr sonderbaren Vorgang erleben. Ein Mensch, der sich gerade bei den Blumen aufgetankt und gereinigt hatte, setzte sich neben einen anderen Menschen, der schon einige Zeit mit dem Papier vor der Nase dort gesessen hatte. Dann begann der Mann mit dem Papier zu erzählen von dem, was er in dem Papier gesehen hatte. Und plötzlich konnte der Kolibri sehen, wie sich die Dunkelheit aus dem Energiefeld des einen Menschen blitzschnell auf den anderen Menschen übertrug. Plötzlich hörte auch der andere auf, zu strahlen, und sah viel schwächer aus, als noch kurz zuvor. 

Als die Neugierde des Kolibris stieg, flog er dichter an die Menschen heran und manchmal flog er sogar weit in die Energiefelder der verschiedenen Menschen hinein. Das war eine überwältigende Erfahrung. Bei manchen Menschen fühlte er sich sehr wohl. Die mit den großen und hell leuchtenden Energiefeldern fühlten sich sehr angenehm an, und er merkte, dass er dort keinen Widerstand spürte. Wenn man mit bis zu 80 Flügelschlägen pro Sekunde unterwegs ist, ist man da sehr sensibel. Manchmal bekam er dadurch sogar noch mehr Energie und fühlte sich beim Fliegen noch freier und kraftvoller. 

Und dann waren da die anderen mit den dunklen Energiefeldern, die sie aus ihren sogenannten Zeitungen ernährten. Neugierig erkundete der Kolibri auch einmal ein solches Feld. Plötzlich wurde alles ganz zäh, so wie, als würde man durch Honig fliegen. Nur nicht so süß. Er merkte, wie seine Flügelschläge langsamer und ungelenker wurden, und wie er viel mehr Kraft brauchte. Es roch faulig, und ihm wurde ganz elend zumute. Und gleichzeitig fühlte er ganz ungewohnte Dinge. Gefühle wie Hass, Neid, Trauer und vor Allem Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung machten sich in ihm breit. Er musste jetzt wirklich zusehen, dass er da schnell wieder heraus kam. Erschöpft setzte er sich auf eine Blüte und atmete erstmal durch. Es dauerte nicht lange, und er war wieder aufgetankt und fühlte sich wieder sauber. Er dachte noch einige Zeit über das Erlebte nach.

Das also war das, was die Menschen in sich einsaugen, wenn sie eine sogenannte Zeitung lesen. 

Kein Wunder, dass sie danach mit besorgten Gesichtern und mit steifen Gelenken den Park wieder verlassen. Und auch ihre von Angst und Wut verzerrten Stimmen, mit denen sie dann sprechen, sind damit zu erklären. Es muss wirklich ganz fürchterlich sein, sein ganzes Leben in einem so bitteren, klebrigen und miefigen Energiefeld zubringen zu müssen, in dem er selber es nur wenige Sekunden ausgehalten hatte. Diese Menschen taten dem Kolibri wirklich sehr leid. Aber er konnte ihnen ja nicht helfen. Zu den Blumen müssen sie schon selber gehen. 

Er hat in dem botanischen Garten einiges gelernt über die Menschen. Aber was er bis heute nicht versteht ist: Warum lesen manche Menschen Zeitungen, statt an Blumen zu riechen?