Vor der Abfahrt zur Schule herrscht meist eine angespannte Stimmung im Haus. Es dreht sich immer wieder um die selben Dinge. „wo ist mein…“, „Jetzt nicht Klavier spielen, Ipad Daddeln oder Turnübungen machen!“ sondern „anziehen, Zähne putzen, Brotboxen und Wasserflaschen einpacken, Jacken, Mützen, Schultaschen schnappen und möglichst vor 8 Uhr im Auto sitzen.
„Luuuhuuu, Schuhe anziehen!“ schreit Max seine Schwester von oben aus dem Badezimmer an. Lucienne ist aber so vertieft in ihr Ipad Schreibprogramm, daß sie ihn nicht wahrnimmt. Noch zweimal vernehme ich von oben: „Abfahrt in zwei Minuten“ und „Chrissi, bist Du bereit, wir wollen gleich los!“ Ok, Max gibt heute den Ton an. Warum nicht?
Irgendwann sind wir dann alle draußen vor der Tür und ich frage zum dritten Mal an diesem Morgen: „Seid Ihr beiden ganz sicher, daß alles dabei ist, was Ihr heute braucht?“ Einvernehmliches Nicken, und wir fahren los.
Während der ersten Meter fragen die beiden sich dann gegenseitig ab, ob sie auch wirklich alles dabei haben. Ich muss schmunzeln bei dem Gedanken, daß ein Pilot erst nach dem Start seine Checkliste durchgehen könnte und sich dann im Fluge fragt, ob er denn auch genug Benzin dabei hat… Unsere beiden, eigens für den morgendlichen „Abflug“ zusammengestellten Checklisten hängen in der Küche und werden gewöhnlich so wenig beachtet, als lägen sie in der Gemüseschublade ganz unten im Kühlschrank.
Anscheinend auch heute, denn als wir an der Schule ankommen, fragt Lucienne, die übrigens heute als erste mit all ihren Sachen vor der Tür war, wo Max denn seinen Schulranzen hätte. „Oh!“… sagt er und dann fragt er mich doch allen Ernstes aber mit aufgesetztem Welpenblick, ob ich ihm gerade noch den Ranzen von Zuhause bringen könnte.
Ich antworte, für ihn sehr unerwartet, daß es mir überhaupt nicht mal im Traum einfallen würde, jetzt nochmal nach Hause und zur Schule und zurück nach Hause zu fahren, nur weil er seine Gedanken nicht beisammen hat. Dann wünsche ich den beiden einen schönen Tag und fahre erst zum Bäcker, dann zum Einkaufen und dann nach Hause.
Schon an der ersten Kreuzung fangen die Gewissensbisse an, mich zu plagen. So weit ist es doch gar nicht, insgesamt vielleicht eine halbe Stunde… Ich spüre förmlich, wie Max es nicht glauben möchte und schon erwartet, daß ich einknicken werde. Ja, es kostet mich eine Menge innerer Arbeit, um meinen Beschluss, die Sache heute mal auszusitzen, zu bestätigen.
Ist es womöglich eine zu harte Konsequenz für eine „Standard Nachlässigkeit“? Wird er sich dadurch jetzt unsicher fühlen und nicht mehr „geborgen“ in seiner Welt, in der wir bisher alles für die beiden machen und für sie denken, und jeden erdenklichen Fehler für sie ausbügeln? Wird er sich im Stich gelassen fühlen?
Am Ende gebe ich womöglich nur vor, die beiden so sehr zu lieben und hier bin ich plötzlich so hart und unbarmherzig wie ein wirklich liebender Mensch es niemals sein könnte? Halt Stop, das geht zu weit.
Was ist denn mein wirkliches Ansinnen? Ganz klar- ich möchte, daß die beiden zu Eigenverantwortung gelangen und eines Tages ein schönes, solides, freudevolles und freies Leben führen können. Und ich möchte, daß Max als selbstbewusster Junge und Mann durchs Leben geht. Was würde passieren, wenn ich ihm jetzt, trotz meines bereits bekundeten Unmutes, den Schulranzen hinterher fahren würde? Ein geschätzter Fluglehrer hat mir im Rahmen meiner Ausbildung zum Prüfer mal einen sehr passenden Satz mitgegeben : „Gnade ist die höchste Form der Machtausübung.“ Dieser Satz kam mir plötzlich in den Sinn, und die Bedeutung für diese Situation erschloss sich mir sofort und intuitiv. Wenn ich Max jetzt den Rucksack bringen würde, nähme ich ihm die Chance, selber für seinen Fehler gerade zu stehen und die Konsequenzen zu tragen. Dann würde er sich weiterhin klein fühlen, weil er den Fehler ja eh begangen hat, was sich ja nicht rückgängig machen lässt. Hinzu kämen dann auch noch Schuldgefühle mir gegenüber, und das wäre der Super GAU.
So kann er jetzt lernen, daß es zwar unangenehm aber keineswegs eine Katastrophe ist, einen Tag lang ohne Schulranzen zu sein. Und auch erleben, wie es ist, zu seinen Fehlern zu stehen und die Konsequenzen ganz alleine zu tragen. Ich gehe fest davon aus, daß ihm dieses Erlebnis mehr in seine Kraft verhilft, als ihn weiterhin in seiner Kinderrolle gefangen zu halten. Und mir hat es auch sehr geholfen mal genau in die ganzen Widerstände hinein zu spüren, die bei einem konsequenten Verhalten auftauchen und uns klein machen wollen.
Danke für die Erkenntnisse.