Die jammernden Millionäre
An meinem früheren Heimatflugplatz gab es eine Gruppe von Menschen, die ich immer als die „jammernden Millionäre“ bezeichnete. Wenn ich mit meinem klappernden Peugeot um die Ecke dieselte, standen vor der Halle meist schon diverse Luxuskarossen, nicht selten direkt vorm Hallentor geparkt. Denn hierin war man sich einig: „Fliegen, so wie es früher einmal war, ist heutzutage überhaupt nicht mehr möglich… Alleine die Preise schon, wenn man das mal umrechnet, fünf Mark pro Liter, da fliegt doch heute niemand mehr.“
Ich bemühte mich, die vom Schicksal gebeutelten Herren, denen der Zugang zur Fliegerei nun verwehrt bleiben sollte, in genau dem richtigen Abstand zu passieren. Weit genug, um nicht den Anschein zu erwecken, daß ich auch nur eine Sekunde meiner wertvollen Zeit für dieses Gejammer verschenken würde, und gleichzeitig wählte ich die Strecke zum Hallentor so, daß meine Abneigung nicht durch einen zu großen Umweg offensichtlich werden würde. Ich grüßte höflich, und begab mich dann in die Halle zu meinem Flugzeug. Wortfetzen von Einschränkungen, Verboten und Reglementierungen, die das Fliegen hierzulande in der heutigen Zeit angeblich unmöglich machen, drangen an mein Ohr, als ich unter Vermeidung jeglichen Blickkontaktes die Hallentore aufschob.
Wenn schonmal jemand eine Entenfamilie dabei beobachtet hat, wie sie in aller Ruhe und Langsamkeit eine Landstraße kreuzen, dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, wie zügig die Herren, mit Rayban Sonnenbrille und Flieger-Seidenschal geschmückt, mir und meinem Flugzeug Platz machten. Daß sie mir nicht beim Schieben halfen, nehme ich ihnen nicht wirklich übel. Ich vermute, jeder von ihnen hielt es insgeheim für möglich, daß es sich bei mir um eine bloße Sinnestäuschung handelte, und keiner von ihnen wollte sich die Blöße geben, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Also begaben sie sich wie beiläufig zum Rand des Hallentores, und nachdem ich es wieder geschlossen hatte, positionierten sie sich wieder direkt davor, so daß es den Anschein machte, als wäre nie etwas geschehen.
Über den Wolken, auf dem Weg zur Arbeit nach Norwegen…das vermeintlich unmögliche war mir tatsächlich mal wieder gelungen…, musste ich noch einige Zeit an die Herrschaften denken, die mal wieder dort unten geblieben sind.
Hatten sie wirklich keine Möglichkeit, heute fliegen zu gehen? Waren sie wirklich durch Gesetzmäßigkeiten, die für mich nicht gelten, an den Erdboden gefesselt?
Fest steht: Das kleine Flugzeug, mit dem ich jahrelang bei Wind und Wetter meine Dienstreisen gemacht habe, kostete weit weniger, als jedes Auto, mit dem je ein jammernder Millionär am Flugplatz aufgekreuzt ist.
Auch an der Zeit, die es braucht, ein Flugzeug zu betreiben, kann es nicht wirklich gemangelt haben, denn Zeit hatten diese Menschen allem Anschein nach deutlich mehr, als ich. Und nach all dem, was ich bei den zahlreichen Begegnungen an der Halle aufschnappen konnte, hat es denen an Geld auch nicht gemangelt.
Es musste also etwas anderes sein.
Plötzlich wurde es mir schlagartig klar, als ich gerade aus einer dunklen Quellwolke hinaus flog und mich von gleißendem Licht umgeben wiederfand: Es ist alleine der Glaube, daß etwas unmöglich ist, der die Menschen unten hält. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Und wenn man nicht aufpasst was man glaubt, dann landet so ein Berg womöglich direkt vorm Hallentor und macht das Fliegen tatsächlich unmöglich.
Also: Haltet Euch fern von all denjenigen, die ihre Zeit mit pessimistischen Gedanken und Worten vergeuden! Geht ihnen aus dem Weg, hört ihnen nicht zu, und wenn ihr es mal nicht vermeiden könnt, dann glaubt diesem Geschwätz kein einziges Wort! Lasst Euch nicht dazu verleiten, auch nur einer einzigen These dieser Dummschwätzer zuzustimmen, noch nicht mal aus Höflichkeit. Ebensowenig nützt Euch übrigens der Versuch, sie von Eurer Wahrheit zu überzeugen.
Neulich war ich mal wieder in der alten Heimat, auf der Durchreise mit meiner Familie. Wir saßen gemütlich beim Mittagessen im Flugplatzrestaurant. Mein Blick fiel auf das schicke zweimotorige Flugzeug, das gerade neben der Tankstelle parkte, bis unters Dach vollgepackt mit unserem Gepäck. Ich hatte gerade fünfhundert Liter hineingetankt (das macht umgerechnet zweitausendfünfhundert Mark:-) Gleich würde unsere Reise weitergehen in den Urlaub nach Schweden.
Bei den jammernden Millionären standen auch heute wieder die gleichen Autos vor der Halle und ich konnte mir vorstellen, was da gerade besprochen wurde: „Früher, da konnte man mit solch einer Maschine ja noch was anfangen, aber heute bei den Spritpreisen… Das kann ja heute keiner mehr bezahlen!“
Ich war in dem Moment sehr stolz auf mich, und bin es heute, da ich diese Zeilen schreibe, auch noch. Nicht darauf, so eine schicke Cessna 414 zu besitzen, denn diese Maschine habe ich für den Urlaub von einem Freund ausgeliehen bekommen. Ich bin vielmehr stolz darauf, daß ich es geschafft habe, meine Gedanken nicht vergiften zu lassen von dem Gebräu, das sich Pessimismus nennt. Denn genau das hat es mir ermöglicht, meine Möglichkeiten und Chancen zu erkennen und zu nutzen. Ich hatte genau so viel Geld auf dem Konto, wie mich dieser Trip kosten würde. Ich hatte die Möglichkeit, dieses schöne Flugzeug auszuleihen. Meine Familie und ich hatten frei, und wir waren alle gesund. Das Wetter war super, ein sehr schönes Ferienhaus wartete auf Gotland auf uns… Da war die Möglichkeit, und die Chance sie zu ergreifen. Was für ein Signal hätte es ausgesendet, hier jetzt nicht zuzugreifen?
An dieser Stelle noch ein Wort zum Thema „möglich“ und „unmöglich“:
Wenn Du noch 3€ besitzt, und der Apfel, auf den Du gerade Appetit hast, kostet am Flughafen 2,99€. Dann ist es möglich, Dir diesen Apfel zu kaufen. Und wenn Du gerade richtig Appetit auf einen Apfel hast, dann ist es nach allem, was ich bisher lernen durfte, sogar sinnvoll, genau das auch zu tun.
Wieviele Menschen, die viele tausende Euros auf dem Konto haben, verzichten lieber auf den Apfel, weil er ihnen „zu teuer“ ist? Gehörst auch Du zu ihnen? Dann schau mal, ob Du das in Zukunft auch anders sehen kannst. Denn genau das ist es, was die bedauernswerten jammernden Millionäre am Boden hält.