Frutarier des Lebens?!

Es gibt ja heutzutage allerlei Methoden, sich zu ernähren, das soll allerdings gar nicht das Thema hier sein. Dieser Artikel hat vielmehr mit Erkenntnissen zum Leben im allgemeinen und mit dem Arbeiten als Selbständiger zu tun, die ich gerne mit Dir teilen möchte.

Den Begriff „Frutarier“, musst Du allerdings kennen, um nachvollziehen zu können, was ich hier beschreibe.

Soweit ich weiß, ist ein Frutarier ein Mensch, der sich nur von den Früchten ernährt, die bereits vom Baum abgefallen sind.  Warum er das tut? Das können ganz unterschiedliche Gründe sein. Der Frutarier in meiner Vorstellung ist ein bequemer Mensch, der es im tiefen Vertrauen gerne dem Leben überlässt, was es ihm schenkt, und zu welchem Zeitpunkt.

Und was das ganze mit dem Leben und mit Arbeiten als Selbständiger zu tun hat, möchte ich Dir jetzt erläutern.

Vor einigen Jahren habe ich all meinen Mut zusammen genommen, meine letzte Festanstellung gekündigt und mich von da an selbständig gemacht.  Für einen Piloten ziemlich ungewöhnlich, aber ich wollte meine Liebe zur Fliegerei nicht länger so teuer im Tausch gegen meine Selbstbestimmung bezahlen. Als Selbständiger kann ich ja jederzeit Aufträge so legen, daß es mir perfekt passt. Und wenn nicht, kann ich ja auch mal dankend ablehnen, was bei einer Festanstellung keine so gute Idee ist. 

Jetzt hatte die Sache aber einen Haken: Ich arbeite wirklich sehr sehr gerne, ich liebe meine Arbeit als Pilot! Insbesondere die Aufträge, bei denen ich komplett frei bin in der Art und Weise, wie ich sie erledige, machen mir so viel Freude, daß ich gar nicht genug davon bekommen kann. Und zusätzlich kommt jetzt noch, daß ich auch noch immer mehr Geld bekomme, je mehr ich das tu, was ich am liebsten und am besten mache. Eine wirkliche Win Win Win Situation. Man kann sagen, diese Art zu arbeiten bietet einen absoluten Suchtfaktor. In der Tat wurde ich auch richtig kribbelig, wenn es ein paar Tage mal nichts zu tun gab. (Das geht mir übrigens auch heute noch so…)

Oft fing ich dann an, meine Freunde und Kollegen zu kontaktieren und mehr oder weniger direkt zu signalisieren, daß ich gerne mal wieder fliegen würde. 

Kurz darauf öffneten sich dann die Schleusen und es hagelte Aufträge, so daß ich mich fühlte wie ein Hund in der Wurstfabrik. Ich konnte gar nicht alles in Ruhe abarbeiten, war gestresst und hinterher auch erschöpft, weil es einfach zu viel auf einmal war in zu kurzer Zeit.

Irgendwann war plötzlich Schluss, meistens sehr schlagartig, und ich fiel wieder in dieses Loch, fühlte mich komplett erledigt und gleichzeitig wie auf Entzug. Auch die Erinnerung an all die schönen Erlebnisse war irgendwie schal, da ich die Arbeitsphase ja in einem eher gestressten Lebensgefühl und ohne wirkliche Pausen zur Erholung erledigt hatte. Und es ist ja nunmal hauptsächlich das Gefühl, an das wir uns erinnern. 

Irgendwann, in einer der erzwungenen Ruhephasen, in der ich selbst mit Nachhaken keinen Erfolg mehr hatte bei der Beschaffung der nächsten Dosis, kam mir plötzlich eine sehr deutliche Szene vor mein inneres Auge:

Ich stehe am Baum und schüttele mit aller Kraft am Stamm. Es prasseln viele Äpfel herunter, nicht wenige sind noch grün und etwas sauer, und auf jeden Fall bin ich sehr damit beschäftigt, sie alle einzusammeln und aufzuessen, bevor sie schlecht werden. Danach liege ich mit Bauchschmerzen völlig überfressen im Gras und kann keine Äpfel mehr sehen, ohne daß mir schlecht wird. Ein paar Tage später hat sich mein Magen beruhigt und ich hätte so gerne mal wieder einen Apfel. Ein Blick nach oben in die Baumkrone zeigt mir, daß da schon noch Äpfel am Baum hängen, die sind jedoch noch lange nicht reif und es wird noch einige Zeit dauern, bis sie sich herunterschütteln lassen oder gar von selbst herabfallen. Erst habe ich mich überfressen, jetzt hungere ich.

Dann folgte die nächste Szene:

Ich sitze gemütlich unter einem Apfelbaum in der Sonne und genieße den Tag. Plötzlich fällt ein schöner, perfekt reifer Apfel herunter und landet direkt neben mir im weichen grünen Gras. Ich hebe ihn auf und nehme mir viel Zeit, ihn in aller Ruhe und mit Genuss zu essen. Danach halte ich ein Nickerchen, dann lese ich etwas in meinem Lieblingsbuch und irgendwann nach ein paar Stunden landet wieder ein leckerer, perfekt reifer Apfel neben mir. Perfektes Timing, ich habe nämlich gerade etwas Appetit verspürt…

Seither erinnere ich mich immer wieder an diese beiden Szenen, wenn ich mich dabei ertappe, mal wieder „am Baum zu schütteln“. Es macht ja auch keinen Sinn, denn am Baum des Lebens sind immer gleich viele Äpfel, und sie werden alle zu mir kommen, so, oder so. Ich habe die Wahl, ob ich sie mit viel Anstrengung alle auf einmal bekommen möchte, grün und unreif, oder ob ich es nicht doch lieber dem Leben überlasse, wann der nächste reife und leckere Apfel bei mir landet. 

Ich entscheide mich immer aufs Neue für letztere Variante. 

So kann ich sicher sein, daß ich mich im Rhythmus des Lebens befinde. Im vollen Vertrauen darauf, daß die höchste Intelligenz, die überall und zu jeder Zeit durch alles wirkt, schon wissen wird, wann es Zeit zum Arbeiten ist, und wann Ruhe und Muße angesagt ist. Dadurch fällt es mir auch immer leichter, die Ruhephasen anzunehmen und zu genießen. 

Kannst auch Du Beispiele in Deinem Leben entdecken, wo Du am Baum schüttelst? Vielleicht möchtest Du auch mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, statt dessen die Kontrolle abzugeben und Dich dem perfekten Timing des Lebens anzuvertrauen? 

Sehr wahrscheinlich, daß Du zwischendurch auch mit Deinen Entzugssymptomen zu tun haben wirst. Sei unbesorgt: Die bringen Dich nicht um. Ganz im Gegenteil! Etwas zu Vermissen, etwas Vorfreude zu verspüren, etwas Hunger haben nach dem, was wir lieben, all das ermöglicht es uns, die Dinge noch intensiver und mit mehr Freude zu erleben. So, wie der perfekte reife Apfel doch auch am besten schmeckt, wenn wir richtig Appetit darauf haben.

In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude auf Deinem Weg als „Lebensfrutarier“ 🙂

Christian