Perfektion aus Angst oder aus Liebe?

Es gibt viele Menschen, die sich für die Luftfahrt oder die Fliegerei entschieden haben. (Was der Unterschied zwischen Luftfahrt und Fliegerei ist? Lasst die beiden Begriffe mal eine Zeit lang auf Euch wirken, dann kommt Ihr sicherlich selbst drauf.)

So unterschiedlich, wie diese Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Beweggründe für ihre Entscheidung. Der eine mag gerne abends nach dem Tag im Büro eine Runde in seinem kleinen Kunstflieger drehen, bevor die Sonne untergeht. 

Ein anderer stellt sich jeden Tag aufs Neue den kniffeligen Aufgaben, um seinen Chef im Geschäftsreiseflieger sicher, komfortabel und effizient ans noch so ausgefallene Ziel zu bringen.

Wieder andere widmen sich mit viel Engagement dem Segelflug und studieren all die großen und kleinen Tricks, um die Geschenke des Himmels in Form von Aufwinden zu finden und für ihre Streckenflüge zu nutzen. 

Dann gibt es welche, die als Copilot oder Kapitän die großen und kleinen Flugzeuge der Fluggesellschaften fliegen und mit ihrer Arbeit dazu beitragen, daß wir auf ein verlässliches Netzwerk von Flugverbindungen zurück greifen können. Und es gibt auch beim Militär sogenanntes fliegendes Personal, dessen Handwerkskunst für Angriff und Verteidigung   dient. 

Was die meisten von ihnen eint, ist der Wunsch, ihre Sache gut zu machen. Am liebsten so richtig gut. Einige von uns könnte man glatt Perfektionisten nennen, ohne dabei zu übertreiben.

Letztere sieht man ganz weit oben auf den Siegertreppchen bei Kunstflug- und Segelflugwettbewerben. Man sieht sie in den Streitkräften oder in ihren Unternehmen die Karriereleiter erklimmen. Sie bekommen aufgrund ihrer herausragenden Leistungen auch herausragende Möglichkeiten, um sich weiter zu entwickeln. 

Mir ist aus eigenerer Erfahrung und Beobachtung bewusst geworden, daß es in dieser Gruppe zwei sehr unterschiedliche Beweggründe gibt für das Streben nach Perfektion. 

Wie so oft im Leben lässt sich auch hier die Linie ziehen zwischen Angst und Liebe.

Und bevor Ihr Euch oder mich jetzt fragt, ob ich den Verstand verloren habe, soetwas zu behaupten, erkläre ich lieber gleich, was ich damit meine. Es ist ganz einfach.

Die einen wollen unbedingt gute Piloten sein, weil sie Angst haben. 

Weil sie zum Beispiel von der inneren Angst getrieben sind, nicht gut genug zu sein. Sie streben, manchmal ein Leben lang nach der Anerkennung und dem Lob, das sie als Kind nicht, oder viel zu selten, bekommen haben. Sie sind streng mit sich selbst und mit anderen und selten zufrieden mit den Leistungen.

Oder sie haben riesige Angst, nochmal das Gefühl zu erleben, versagt zu haben, und lernen was das Zeug hält, um immer mindestens eine Nasenlänge voraus zu sein. Sie sind, von der Angst vor Kritik getrieben, nicht selten in der Lage,  genauer zu fliegen, als der Autopilot, und sie können alle Passagen aus den Handbüchern und Vorschriften im Schlaf fehlerlos zitieren.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß diese Art von Erfolg nicht von Dauer sein kann. Denn es zehrt aus, es gibt nicht genug zurück, um den Aufwand zu kompensieren. Manche opfern für ihre Erfolge oder Karriere Freundschaften und lassen ihre Partner, ihre Kinder, ihre Familien im Stich, um in diesem einen winzig kleinen Ausschnitt des Lebens zu brillieren.

Bis dieser Weg eines Tages im sogenannten Burn Out endet. Weil der Nachschub an Energie fehlt. 

Der Mensch lebt nicht von Lob allein, könnte man hier sagen.

Wer es schafft, zumindest seine sozialen Beziehungen soweit zu erhalten, daß er nicht vereinsamt, kann dann sicherlich auch lange so weiter machen und das Leistungsniveau weit oben halten. Woher die Energie dafür stammt, wird für die Betroffenen meist erst dann ersichtlich, wenn das soziale Umfeld irgendwann nicht mehr bereit ist, das alles mit zu tragen. Wenn die einst liebende Partnerin den Stecker zieht, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Das, was uns eben noch erstrebenswert erschien, verliert seinen Glanz, wenn niemand mehr da ist, um die Freude über den Pokal, die Beförderung, die Gehaltserhöhung zu teilen.

Dann gibt es auf der anderen Seite diejenigen, die aus reiner Liebe zu dem, was sie tun, nach Perfektion streben. Sie haben einfach Freude daran, die Dinge so gut wie möglich zu tun. Das sind diejenigen, die ihre Energie tatsächlich aus sich selbst und aus ihrer Tätigkeit ziehen können. Sie sind diejenigen, die ein Leben lang richtig gut sein können, ohne dabei auszubrennen. Sie sind frei von der Angst, nicht gut genug zu sein. Sie können Kritik ab und wissen einfach, daß sie es drauf haben, auch wenn sie mal was falsch gemacht haben. Sie sind dankbar für ihre Erfolge und vor allem für die Freude, die sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeit haben. Sie sind frei von dem Wunsch zu beeindrucken, brauchen kein Lob, um zu wissen, was sie können. 

Hier die gute Nachricht:

Es ist möglich, von der einen Seite zur anderen zu gelangen. 

Glaubt einem, dem es gelungen ist.

Christian