Verantwortung für die Alten

„Warum hast Du mir das angetan? Warum hast Du mich dieser menschenverachtende Maschinerie ausgeliefert? Warum hast Du mich der kompletten Fremdbestimmung preisgegeben? Warum hast Du mir meine Jugend genommen? ICH WAR GLÜCKLICH! Hörst Du? Ich WAR glücklich! Ich hatte alles, was ich brauchte… mein Fahrrad, meine Freunde, meine Freundin und ich waren ein glückliches Paar… Ich habe mein eigenes Geld verdient mit der Wartung von Flugzeugen, ich hatte meinen Segelflugverein und den Strand fast vor der Haustür! Ich hatte lange zottelige Haare, war braungebrannt und sportlich, und so frei und gesund, wie ein junger Mensch nur sein konnte. Warum hast Du mir das alles weg genommen? Warum?“

Der junge Mann, der mich da so vorwurfsvoll ansah in der Erwartung einer Antwort, war wirklich wütend. Er war den Tränen nahe und sah mich trotzig und herausfordernd an, während ich versuchte, mich zu sortieren und die richtigen Worte zu finden.

Ich hatte mich gerade gefragt, wann in meinem Leben der große Bruch gewesen ist. Der große Bruch mit mir selbst. Wann ich mich und meine Werte zum ersten mal so sehr verraten habe, daß meine Unbeschwertheit und Lebensfreude von da an diesen starken Dämpfer bekommen hatten, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Und da stand er plötzlich vor mir. Ich konnte seine Enttäuschung, Trauer und Wut in mir selber spüren, während er mich mit seinen großen braunen Augen so eindringlich ansah. Er meinte es ernst und ich wusste, daß ich ihn nicht mit irgendetwas abspeisen konnte, was nicht der vollen Wahrheit entsprach. Nur, daß ich selber keinen Schimmer hatte, was ich ihm sagen könnte… 

Ich sah mich um. Es war noch dunkel. Wir standen am Straßenrand gegenüber von dem Haus, in dem damals seine Freundin wohnte. Es war noch früh am Morgen und ich erinnerte mich wieder an die Szene. Es war der Tag, an dem ich abgereist bin, um in Amerika meine fliegerische Ausbildung anzutreten. Der Tag, an dem ich meine unbeschwerte Jugendzeit unweigerlich hinter mir zurück lassen musste, um von nun an viele Monate ohne Pause zu lernen und zu fliegen. Um Prüfungen und Tests zu schreiben, Checkflüge zu absolvieren, aus dem Stand und fehlerfrei Notverfahren aus den Handbüchern der Trainingsflugzeuge herunterzubeten, Karten für Tiefflüge vorzubereiten, Fallschirm-Landungen und Überleben in der Wüste zu trainieren und vieles mehr… Während zuhause das Leben weiter lief und meine Freunde den Sommer auf dem Segelflugplatz oder am Strand verbrachten, saß ich tagein tagaus in einem Gebäude ohne Fenster im grellen Neonlicht und widmete jede Minute meines Lebens dem Ziel, eines dieser schnellen und wendigen Flugzeuge zu fliegen, die man gemeinhin als Kampfjets bezeichnet. Für meine Freundin war in diesem Leben kein Platz, was sich dann auch in einer sehr schmerzlichen Trennung kurz vor Ende der zweijährigen Ausbildung zeigte. Das hat sehr weh getan. So sehr, daß ich es mir selber nie richtig verzeihen konnte. Auf der einen Seite alles zu gewinnen, was ein junger ambitionierter Flieger sich nur wünschen kann. Und auf der anderen Seite alles zu verlieren, was die Liebe anbetrifft.  Auch nach dieser Ausbildung bin ich einen sehr intensiven und sehr abwechslungsreichen Weg gegangen, voller Abenteuer und Erlebnisse, von denen die meisten Menschen nicht einmal träumen würden. Jedoch konnte ich dieses entspannte und unbeschwerte Lebensgefühl von früher nie wieder fühlen. Dieser Sache wollte ich heute auf den Grund gehen und eine Antwort finden. 

Und jetzt soll ich, statt eine Antwort auf meine Frage zu bekommen, selber Rede und Antwort stehen… Was soll denn das?

Ich habe doch niemals irgendwen genötigt, zum Militär zu gehen. Im Gegenteil- ich rate heutzutage den jungen Menschen ausdrücklich davon ab, sich und ihr Schicksal an eine Institution zu binden, die sich mit den dunkelsten Aspekten des Menschlichen Lebens befasst. Das, was der junge mir da vorwirft, ist ausgesprochen unfair!

„Also mein lieber, jetzt mal ganz langsam! Ich sehe ja, daß Du wütend bist, und traurig bist. Die Entscheidung, zum Militär zu gehen, hat mit einem Schlag Deine unbeschwerte Jugendzeit beendet, das verstehe ich. Und ich weiß, wie Du Dich gerade fühlst in Deiner Lebenskrise. Die schnellen Flugzeuge sind kein Ersatz für all das, was Du zurück gelassen hast. Das ist sehr enttäuschend, und jetzt stehst Du da und weißt nicht wohin mit Deinem Frust. Aber ganz ehrlich:

Ich bin fast zwanzig Jahre älter, als Du. Ich stehe nicht vor der Entscheidung, ob ich zum Militär gehe oder nicht. Du bist derjenige, der diese Entscheidung gefällt hat, nicht ich! Ich werde mit den Konsequenzen aller Deiner Entscheidungen leben müssen, ob es mir gefällt, oder nicht. Die einzige Wahl, die ich heute habe, ist, was ich daraus lerne. Aber Du selbst warst es, der die Düsenjäger fliegen wollte. Der die Unterschrift geleistet hat und sich für diesen Weg verpflichtet hat. Nicht ich. Verstehst Du das?“

Er sagte nichts und dachte nach.

„Dann bist Du wahrscheinlich ziemlich sauer auf mich?“

„Nein, ganz im Gegenteil! Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Entscheidung. Ich sehe, was Du alles an Opfern gebracht hast, damit ich heute ein so schönes Leben haben kann. Die Entbehrungen beim Militär habe ich schon lange hinter mir gelassen. Die Erfahrungen aus der Fliegerei dort habe ich mir jedoch in meinem inneren Schatzkästchen gut aufgehoben und profitiere sehr oft von ihnen, und habe auch heute noch viel Freude damit. 

Und ich kann Dir noch was sagen:

Du ganz alleine hast Dich damals in die Welt des Militärs hinein begeben. Du wolltest eine Welt erfahren, in der es viel Licht, aber auch viel Schatten gibt. Und Du alleine hast Dich da auch wieder heraus begeben. Denn Du bist Dir im tiefsten Inneren immer treu geblieben und hast viele mutige Entscheidungen gefällt- heraus aus der vermeintlichen Sicherheit, hinein in die Freiheit.

Heute lebe ich wieder genau so unbeschwert wie in unserer Jugend. Nur mit einem riesigen Bündel Erfahrungen und Antworten, die ich ohne Deinen, ich nenne es mal -Tauchgang- niemals hätte haben können.“

Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Unbeschwert? Ich bin doch gerade auf der Suche nach dem Grund, weshalb ich diese Unbeschwertheit meiner Jugend bisher nie wieder fühlen konnte. Und plötzlich fühle ich mich… unbeschwert und frei.

Ich sehe ihn an. Er sieht plötzlich sehr erleichtert aus und ein Lächeln deutet sich an in seinem Gesicht. 

Ich suche noch fieberhaft nach dem Gefühl, wegen dem ich mich auf die Suche gemacht habe. Es ist weg. Einfach weg. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren. 

„Du bist mir nicht böse? Du hast es mir verziehen?“

„Du hast es Dir verziehen! Danke dafür!“

„Was meinst Du damit? Was hat das mit Dir zu tun?“

„Erinnerst Du Dich, was ich Dir eben sagte? Ich bin, wie alle anderen Versionen Deiner Zukunft, komplett abhängig von Deinen Entscheidungen heute. Wenn Du Dich heute entscheidest, Dir ein Ohr abzuschneiden, dann werden alle zukünftigen möglichen Christians ohne dieses Ohr leben müssen. 

Wenn Du Dich hier und heute entscheidest, Dir aus vollem Herzen zu verzeihen, Deinen Weg so gewählt zu haben, wie Du ihn nunmal gewählt hast, dann darf auch ich heute ohne diese Last auf meinen Schultern leben. Daher danke ich Dir, daß Du es für mich getan hast!“

„So habe ich das noch nie gesehen. Bisher habe ich immer gedacht, die großen und die alten seien in der Verantwortung für die jüngeren. Das ist in unserem Fall ja totaler Quatsch! Ganz im Gegenteil: Es liegt in meinen Händen, wie mein Leben in der Zukunft einmal aussehen wird. Es sind meine Entscheidungen, die beeinflussen, wie ich mich heute fühle, und damit maßgeblich das Lebensgefühl meiner Zukunft, meiner zukünftigen ICHs, bestimmen!“

Wir hatten beide etwas großartiges gelernt gerade und freuten uns sehr über diese Geschenke.

Wir verabschiedeten uns und jeder kehrte in seine eigene Zeit zurück. 

Eine Verantwortung, die nicht meine ist, konnte ich dort abgeben, wo sie  hingehört. 

Die Freude und Leichtigkeit ist seit dieser Begegnung wieder in mein Leben zurück gekehrt. Wie schön ist es doch, ab und zu mal zwischen den Zeitlinien aufzuräumen!